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Waldspaziergang

Ein Tag im Waldkindergarten Petershausen

Früh am Morgen komme ich an. Der Weg vom Parkplatz des Gartenbauvereins hoch zu unserem Bauwagen ist tagtäglich geprägt von der Morgenstimmung. Die Sonne geht gerade auf, Nebelschwaden hängen über den Feldern und Obstbäumen. Ein Bussard auf der Suche nach Futter. Hasen, Rehe oder ein Fuchs laufen eilig davon. Ein tiefes Durchatmen bevor der Tag mit den Kindern beginnt.

Bauwagen

Am Bauwagen, der am Waldrand gemeinsam mit unserem Bürowagen steht, treffen der Reihe nach alle Mitarbeiter*innen des Waldkindergartens ein. Wir bereiten alles zur Ankunft der Kinder vor und besprechen was nötig ist. Im kleinen Bauwagen werden noch Mails geschrieben, Büroarbeit erledigt und Elterngespräche vorbereitet – auch das gehört zum Alltag eines Waldkindergartens.

In der Zwischenzeit werden Kinder von ihren Eltern gebracht, gut eingepackt in wetterangepasste Kleidung, Matschhosen und festem Schuhwerk. In Coronazeiten heißt das erst einmal Hände mit Wasser und Seife waschen. Das warme Wasser muss täglich von einem Elterndienst gebracht werden, da wir weder Wasser noch Strom am Bauwagen haben.

Die Kinder hängen, nach der Begrüßung mit den Füßen, ihre Rucksäcke an einer Hakenleise am Bauwagen auf und bringen ihr Mittagessen in den Bauwagen. Jetzt ist Zeit zum Spielen bis das Signal zum Aufbruch kommt. Um 8:30 Uhr ertönt ein Gong und alle sammeln sich mit ihren Rucksäcken und unserem Handwagen, gepackt mit Erste Hilfe Material, Wechselkleidung, Seilmaterial und/oder Bestimmungsbüchern. Nach einem weiteren Kommando durch die Kinder gehen wir zum Krähenplatz im Wald an dem der Morgen- und Abschlusskreis stattfinden.

Der Morgenkreis besteht aus kurzen Holzstämmen, die als Sitzgelegenheit dienen. Ein gleichbleibender Ablauf schenkt den Kindern Sicherheit im immer wiederkehrenden Ritual. Guten Morgen. Welcher Tag ist heute? Dieser wird an unserem Kalender von links nach rechts verschoben. Welches Datum haben wir heute? Das Jahr, der Monat, der Tag, manchmal die Jahreszeit. Anschließend hören wir den Wetterbericht des Tages. Was seht ihr? Was spürt ihr? Was könnt ihr uns zum Wetter sagen? Die Kinder, sensibilisiert durch tägliche Beobachtungen, sprechen über die Sonne, die im Osten aufgeht oder sich noch hinter Wolken versteckt. Über den Nebel zwischen den Bäumen, dem vorhanden oder nichtvorhandenen Niederschlag. Die Kinder spüren den Waldboden mit den Händen und beschreiben die Feuchte oder Trockenheit in Zusammenhang mit dem Niederschlag. Der Wind, oft an den Zweigen der Bäume sichtbar, ist manchmal stark und an anderen Tagen nur ein Lufthauch. Dann wird noch die Temperatur an unserem Thermometer von einem Kind abgelesen. 

Jetzt kommt das Kinderzählen. Hierzu darf jeden Tag ein anderes Kind zählen, entweder alleine oder mit einem Vorschüler. Wieviel Kinder sind heute da? Wie viele fehlen, wenn wir normalerweise 25 Kinder sind? Die „Rechenmaschinen“ der Kinder laufen auf Hochtouren bevor wir gemeinsam mit den Fingern zählen. Anschließend schauen wir welche Kinder fehlen. So stärken wir die Wahrnehmung der Kinder und das aufeinander Schauen. Indem die Kinder in vollständigen Sätzen mit uns sprechen fördern wir das Sprachgefühl und stärken ihre Ausdrucksfähigkeit.
Nach einer Gesprächsrunde über das Wochenende, einem Bewegungsspiel, einem Lied oder einer Geschichte, kommen wir zur Abstimmung an welchen Platz wir gehen. Hier fördern wir die Partizipation der Kinder indem sie drei Vorschläge machen und die Mehrzahl der Stimmen entscheidet. Wenn möglich gehen wir nur einmal pro Woche an einen Platz, um der Natur Raum zu lassen.


Am Halteplatz geht es mit einem “Auf die Plätze fertig los“ los und alle Kinder sausen in Richtung des gewählten Platzes. Unterwegs gibt es allerdings immer wieder kurze Stopps um eine Schnecke, einen Ameisenhaufen, Spuren von Rehen oder anderen Tieren, besondere Beeren, Pilze und vieles mehr anzuschauen. Bekannte Haltepunkt verhindern, dass einzelne Kinder einfach weiterrennen. 

Am Platz angekommen wird Brotzeit gemacht oder den ganzen Vormittag gespielt. Die Mädchen und Jungen im Alter von drei bis sechs Jahren verteilen sich allein oder in immer wieder wechselnden Kleingruppen über das bekannte Waldstück. Zweige einer starken Fichte werden als Pferde benutzt, bei einem anderen Kind sind sie ein Motorrad. Wurzelstöcke sind an einem Vormittag ein Piratenschiff, dann ein Zug oder die Küche einer kleinen Familie, Backstuben oder ein Laden zum Einkaufen. Naturmaterialien bilden das Spielmaterial, Stöcke den Grundstock eines Tipis oder Bootes. Besonders im Herbst werden während der Freispielzeit immer wieder Pilze und Beeren entdeckt, die im Bestimmungsbuch nachgeschlagen werden. Sind sie essbar oder giftig? Bucheckern werden gesucht, geschält und probiert, immer im Beisein eines Pädagogen. Nie dürfen die Kinder alleine etwas von den Sträuchern pflücken und essen. Hier steht die Gesundheit der Kinder im Vordergrund. Bäume und Pflanzen werden nicht verletzt, sie sind ein wichtiger Bestandteil unserer Umwelt, ein Geschenk und wir sind Gäste im Wald. 

WaldplatzDer große Raum im Wald bietet Möglichkeiten sich auszutoben, in Nichtcoronazeiten mit Anleitung Ringkämpfe durchzuführen, Konfliktsituationen zu besprechen, sich aber auch eine Zeit lang aus dem Weg zu gehen, miteinander zu spielen oder sich einen Platz im Wald zu suchen an dem ein Kind ausruhen kann, auftanken in der Stille und der Kraft des Waldes. Bei all dem stehen wir Pädagogen, in der Regel drei bis vier Personen, den Kindern zur Seite, sind Ansprechpartner, Halt bei Unsicherheit, Beobachter, Mitspieler oder Anleiter einer gezielten Beschäftigung. An einzelnen Tagen werden Seilelemente aufgebaut, Perlen oder Naturmaterial aufgefädelt, Farben aus Beeren hergestellt und vieles mehr. Ein Vormittag in der Woche gilt als Vorschultag. Hier haben unsere Großen Raum für sich. Gezielt mit Sprache und Zahlen umgehen, Kooperation Spiele spielen, Experimente, Gefühle, Nein sagen lernen, ganz bewusst Bäume und Pflanzen anschauen, Zusammenhänge erkennen, all das sind Themen dieser Vormittage.

Unser Vormittag im Wald geht dem Ende entgegen. Wir machen uns auf den Rückweg zum Krähenplatz. Hier zählen wir erneut die Kinder, schauen auf die Veränderungen beim Wetter im Laufe des Vormittags, lesen eine Geschichte, ein Bilderbuch, sprechen über unser schönstes Erlebnis beim Spielen, lauschen mit geschlossenen Augen den Geräuschen um uns herum, spielen oder singen. Was erwartet uns am nächsten Tag? Gibt es ein Fest oder eine besondere Aktion im Wald? Die Kinder können noch darüber sprechen, was ihnen im Moment wichtig ist. Wir waschen wieder gemeinsam die Hände und gehen, oft mit einem Farbenspiel als Anreiz, zu unserem Bauwagen zurück. Dort warten die ersten Eltern um ihr Kind nach
einem erlebnisreichen Tag im Wald abzuholen. Ein kurzer Austausch mit uns Pädagogen und wir verabschieden uns wieder mit unseren Füßen, was bei manchen Kindern schon fast wie ein Tanz wirkt. Einzelne Kinder essen noch ihr mitgebrachtes Essen im Kindergarten, spielen, malen oder klettern, bis auch für sie um 14:30 Uhr der Waldkindergarten zu Ende ist. 

Dank einer Elterninitiative gibt es den Waldkindergarten Petershausen e.V. bereits seit knapp zwanzig Jahren. Das Jubiläum feiern wir Jahr 2021. Lehrer aus der Grundschule freuen sich jedes Jahr über unsere Kinder aus dem Wald. Diese und ihre Familien sind sensibilisiert für ihre Umwelt, den sorgsamen Umgang mit der Natur und deren Kostbarkeit für unser Leben.

Christl Seibold

Pädagogische Leitung